Gezeiten

auch: ein Abschiedsbrief

Als ich dieses Gesicht, dieses Gesicht mit dem sauberen Hemdkragen, mit der dunklen Krawatte darunter, und der traurigwissenden Miene darauf, als ich dieses Gesicht und diese Miene in der Tür sah, wollte ich hineinschlagen bis mir die Fingerknöchel brechen. Natürlich ist mein Name Mertens, er steht schließlich unter dem Klingelknopf, ein rotes Schild mit schwarzer Schrift, zum Einzug geschenkt bekommen, gestern noch sauber gemacht, natürlich weiß ich, daß er, daß er vor der Tür Priester ist, auch wegen des Kreuzes am Revers, daß er mir eine ernste, eine sehr traurige Mitteilung zu machen hat, natürlich, ja, natürlich, bin ich der wie er sagt Lebensgefährte von Kerstin Frank, auch ihr Name steht schließlich auf dem Schild, schon seit drei Jahren, und daß sie tot ist, weiß ich bestimmt schon länger als er, der da mit graublonder Stimme von Beileid spricht, Beileid, das er vielleicht sogar ernst meint, falls überhaupt ein Mensch erleiden kann, was einem anderen geschieht, wenn ein Stück vom Körper, vom Geist, ein Stück vom Leben abgetrennt wird, eine Amputation bei vollem Bewußtsein, die zwar nicht den sofortigen Exitus, aber ein langsames, zielbewußtes Verbluten, Verrecken zur Folge hat; eine Operation, bei der die Betäubung nachfolgt, hoffentlich.

Die Frage, ob ich Hilfe benötige, verneine ich ihm höflicher, als ich es wollte, dafür knallt dann meine Türe, aber weniger aus Wut, als vielmehr wegen des Luftzuges. Natürlich können Fremde nicht wissen, daß die milchgläserne Haustür drei Etagen tiefer nach der Hälfte ihres Zusinkens, ölgedämpft, über der Fußmatte blockiert, besonders wenn es kalt ist, blockiert und stehenbleibt, wenn man nicht selber stehenbleibt, und sie über die zu hochstehenden Borsten der vor Monaten vom Hausmeister falsch ausgetauschten Matte ins Schloß drückt.

Mochte der Mann im Treppenhaus nicken, mochte er fühlen, daß mich verständliche Verzweiflung überwältigt hatte, so war er doch nur ein Versehen gewesen, dieser Knall als Abschied, denn ich hätte wissen sollen, daß der Pfarrer die Haustür nicht geschlossen haben würde, ich hätte die Wohnungstür festhalten müssen, oder das Küchenfenster schließen können, da ich ja gewußt hatte, er würde irgendwann heute kommen, heute, oder morgen, kommen um zu sagen, ernst und weise, was ich länger weiß, und wahrscheinlich besser verstehe, und, immer noch, weniger glaube als er, er, der sie bestimmt auch noch gesehen hat, aber nie so wie ich, mit Blick und mit Atem, sondern blaß, starr liegend, grüngekleidete Figuren daneben, die den Kopf ausdrucksvoll geschüttelt haben werden, deren Finger durch Knopfdruck rote Ziffern, grünleuchtende, gleitende Punkte, zum Sterben brachten, und deren Hirn die darauf folgende Totenstille durch Gedanken an den bevorstehenden Einschulungstermin des ältesten Sohnes nächste Woche überbrückte.

Mir ist übel vor Anspannung. Radioanstellen. Sendersuchen. Radio abstellen. Sitzen, wie Marmor.

Der Knall der Wohnungstür war noch eine Weile durch das Treppenhaus gehetzt, und ich meine fast, ihn immer noch zu hören, obwohl die Luftwirbel sich längst beruhigt haben mußten. Es hatte noch zweimal geklingelt, daran erinnere ich mich jetzt, jetzt erst, vielleicht habe ich mich auch getäuscht, auf jeden Fall ist es zu lange her, als daß noch jemand vor der Tür steht. Damals, da stehen Kerstin und ich gemeinsam vor dieser Tür, und der Name unter dem Klingelknopf war ein anderer gewesen, einer, den wir im Dunklen des frühen Februarmorgens, wohnungssuchend, in die kalte Telefonzelle gedrückt, das erste Mal hören, ein melodischer, angenehmer Name, eine angenehme Stimme, überraschende Wärme.

Was da geschah, es war das umgekehrte Zusammenfallen eines Kartenhauses gewesen, schnell, unaufhaltsam, der fast noch nächtliche Kaffee, Zeitungkaufen am Bahnhof, raschelndes, hinundhergeblättertes Papier, die Scheibe der Telefonzelle gesprungen wie ein scharfes Auge, dann Parkplatz, genau vor der Haustür in der Altstadt, alles noch da, alles in Momenten wieder da, als ließen sich die Gerüche, die Farben, wie die Uhren zurückdrehen.

Oben, vor der, vor dieser, Wohnungstür, war die Energie, die Welle, die uns bis hierher gebracht hatte, ausgelaufen. Wir spürten, wie sie am unteren Rand der Treppe zurückblieb. Die Stufen wurden hoch und hart, der Flur war kalt. Doch es war Flut, und als wir im Wohnraum standen, packte sie uns wieder, spülte uns durch die Zimmer, durch die Gespräche, und drei Wochen später lebten wir, lebten wir, gemeinsam, miteinander, hier, als wäre es schon immer so gewesen.

Es ist die Unaufhaltsamkeit der Ereignisse, die mich erdrückt, an diesen Tisch drückt, neben das schon seit Tagen ausgestöpselte Telefon, dorthin, wo wir meistens gesessen haben, ab und zu die Plätze tauschend, der Abwechslung halber, der Blick über den Rhein an manchen Tagen wie ein Wunder. Es war eine Zeit ohne Abzweig, ein Fluß ohne Zufluß, geradeaus, getrieben, von einer eigenartigen Kraft, woher kam sie, was trieb uns so an? Was heißt das, nicht glauben, daß jemand tot ist? Ich glaube, bloß ihren Namen rufen zu müssen, und im Nebenzimmer ist Antwort, genauso sitze ich hier, wie in diesen verfluchten Vorabendserien, diesen Filmen, in denen das passiert, was nie passiert, was immer woanders passiert. Tage, Wochen waren wir schon getrennt, war ich schon allein, früher, damals, Kerstin Urlaub in Schottland, ich zu meinen Eltern nach Hamburg, kein Wiedersehen, diesmal nicht, kein Auffrischen, kein Geraderücken, kein Wachsen von Erinnerung, keine Veränderung, davor habe ich Angst, daß die Bilder erstarren, erstarren, und dann werden sie gehen, erst Stücke, Klang, Farbe, davor habe ich Angst, weil man die Farben nie trifft beim Nachmalen, Angst, weil alles geht, Angst und bodenlose Trauer, Unverständnis.

Warum Unverständnis? Auch ein solcher Tag wie heute hat einen Abend, auch ein solcher Abend hat eine Nacht, eine dunkle, eine kalte, ohne weiche Haut, und ohne den blonden Flaum in Nacken, wenn ich die schwere Masse Haar hebe, oder sanft darunter taste. Was sage ich taste, wenn der Zersetzungsprozeß so lange schon begonnen hat. Wir wußten das vorher, doch ich wußte nicht, wie ich mich mit auflöse, mitsterbe, wie wir auseinandersterben, zähflüssig und unaufhaltsam wie das Verschieben tektonischer Platten. Vielleicht hat Kerstin es gewußt, vielleicht deswegen ihr Blick so alt gewesen das letzte Mal, vielleicht, aber nicht nur, denn wir wußten lange schon, was uns erwarten würde, dachten wir, oft wußten wir auch gar nichts, dann saß ich bei Kerstin am Bett, dumm ihre Hand haltend, auch das wie in diesen klebrigen Filmen, diesen Geschichten mit den immer gleichen Sätzen, aber es gibt Dinge, die sind nun mal so, wie soll ich es ändern, wenn ich sie spüren will, ihre Haut fühlen will, muß ich die Hand nehmen, in einer Zeit, da fast alles andere von grünem Plastik umgeben ist, und mir ein Mundschutz vorm Gesicht klebt, zumindest, bis die Ärztin aus dem Zimmer ist.

Es waren zwei Welten, die ich lebte, die eine die wußte, die lernte, die versuchte zu verstehen, die andere, die heulte, ganz erbärmlich heulte, nur so konnte ich bishier überstehen. Überstehen, wieso überstehen, überstehen als der, der es war? Als der Täter, der Mörder, in jedem Sinne des Wortes, und ich weiß, was man getan haben muß, vorsätzlich, heißt es immer, vorsätzlich, geplant, sagen sie, und vermeiden es, wo irgend es geht, im Zweifel für den Angeklagten, doch es besteht kein Zweifel, und ich bin auch nicht angeklagt, niemand kann wissen, die mich urteilen darf, hat mich angestiftet, zu diesem Verbrechen, das einen Menschen von hilflosem Verrecken befreit hat, ich darf das, ich darf diese Phrasen hier hinschreiben, und wenn ich hier auf unseren selbstverlegten Holzboden spucke, dann darf ich das auch, und wenn ich hier noch lange so denke, dann werde ich die Balkontüre öffnen und über den Balkon hinaus zum Rhein, wir wohnen, verflucht, wir wohnten, sie wohnte, ich wohne im 4. Stock, das reicht, es ist genug, es ist hoch genug, hoffe ich. Auch Kerstin hat gehofft, und ich für sie, und mit ihr, mehr von diesen Tabletten, Spitzenprodukt moderner Heilkunst, habe ich nicht gekriegt, es reichte nur zweimal, und es sollte dauern, ziemlich genau sieben Minuten, sieben Minuten, die ich wieder die Hand hielt, nicht nur die, mir überhaupt nicht dumm vorkam, unsere Gesichter ganz nah, nachts um drei, und wir hatten wochenlang gelernt, wie man Geräte abschaltet, ohne das es Alarm gibt, ohne daß jemand es merkt und wieder retten will, nachts um drei in diesem Schiebeschrank, zwischen ihren Klamotten habe ich gehockt wie ein Idiot, stundenlang, es ist nicht wahr, das soetwas passiert, das gibt es einfach nicht, aber ich wußte schließlich wann Nachtschwestern ihre Rundgänge machen, wann der Halbtote von achtundzwanzig endgültig nicht mehr versuchte in ihr Zimmer zu kommen, zum Reden, zum Gaffen, und wir kannten die Befunde.

Für kurze Zeit war es fast spannend. Die Kontrollen umgehend, abenteuerlich, ein Kinderspiel, Räuberundgendarm. Alles, alles kann man sagen, alles, mindestens schreiben, sagen sie, dachte ich, und als wir dann in dieser grauen Luft zusammen waren, die Stunde, die gottverdammte letzte, die vielzitierte, das schreib ich nicht, nichtmal hierhin, nichtmal hier, das wird keiner wissen, ich weiß es ja selbst fast schon nicht mehr, doch ich werde nicht vergessen, niemandem werde ich vergessen, auch Jo nicht, wegen der Tabletten, und Kerstin nicht wegen meinem eigenen Ausheulen, von dem Gabi nichts wußte, denken konnte sie es sich natürlich, sie konnte sich sowieso alles denken, die letzten Wochen, nachdem sie den Kampfplatz gewechselt hatte, sie war Generationen älter als ich, sie dachte weiter, wußte besser, als sei sie notgereift im letzten Licht vor dieser verflucht ewigen Nacht, konnte sogar mich trösten, nach dem Einbruch, den meine stolze Wut irgendwann bekam, die Stärke sickerte von außen nach innen, nur so konnte ich ihr überhaupt helfen, es war eine Symbiose, bis zuletzt, fast bis zuletzt, denn zum Schluß waren wir nur noch eins, die letzten Minuten atmeten wir den gleichen Takt, niemand wird das lernen, atmen ist so wichtig, auf den Atem des anderen hören, atmen ist das Schlagen der Seele. Die gibt es natürlich auch nicht, nur ganze Menschen gibt es, das weiß ich jetzt, auch wenn sie uns trösten wollten, die weichstimmigen Weisen, worüber man nicht reden soll, darüber kann man schweigen, aber ich will nicht schweigen, reden kann ich, muß ich, lernen, alles kann ich reden, und wenn ich nicht reden lerne, vielleicht lernen andere dann lesen, diese Schlachtbericht, wir haben gesiegt! Bewacht wurde sie, rund um die Uhr, als wolltet ihr sie nicht gehen lassen, woher nahmt ihr das Recht? Habt ihr nicht das Blutkotzen gehört, habt ihr nicht gesehen, daß es nur noch ein Bißchen von ihr war, und doch das worauf es ankam, das hier blieb, blieb, um gehen zu können, meingott, wie echt kann Kitsch und Pathos sein? Wer weiß schon vorher, wie gut sich die anderen plötzlich schützen können, und alle sind sie andere, dann? Wie sie meinten, daß es besser wäre, wenn..., daß es doch immer weiter... . Und wer von denen ahnt, wie eisklar ich das durchschauen mußte, ich konnte gar nicht anders, durch schauen bis auf die sich windenden Gerippe, wie sie an den Fäden hingen, während ich für jeden Herzschlag von Kerstin dankbar war, für jedes Wort. Natürlich, da haben sie vielleicht mal ein hölzernes Gefühl am Abend, oder zusammengedrückte Kiefer beim Betrachten der letzten Geburtstagsphotos, aber da ist auch das nächste Gutenmorgen, das Kantinenlachen, das träge in irgendwelchen Kneipen hocken, das Abheften von Akten, da ist ihr Recht, ich nehme es nicht, ich will es gar nicht, behaltet es, wir hatten unser eigenes, der Sieg war bitter, so bitter, gegen was denn, gegen wen? Gegen den Pförtner auf ABM, der nicht merkte, daß ein Besucher, den er schon seit Wochen mit Namen kannte, noch nicht gegangen war? Gegen die Schwester, die nicht in den beschissenen Kleiderschrank guckte? Oder gegen die Ärztin, die sich nicht genug über Kerstins Stille gewundert hatte? Wen haben wir denn besiegt, ja was haben wir denn gewonnen, wer hat denn hier überlebt? Dieses Zimmer bleibt so endlos leer, wir konnten nur diese Welt ändern, morgen wird sie beerdigt, das muß schnell gehen im Spätherbst, es sterben mehr Leute als man denkt. Vielleicht, weil der Sommer so weit ist, die Kraft für den Winter nicht reicht.

Im Winter haben wir es erfahren, erfahren und nicht geglaubt, wer glaubt schon, daß die ewigen Diskussionen Fleisch bekommen, nächtelang, mit Martin, unserem Philosophen, der sprachlos war, der moralisch wurde, nach Wochen, als Kerstin sagte, wann sie sterben wollte, der immerhin den Mund hielt, sein Glück, ich kann nicht mehr, ich werde diesen Brief bis zum Ende schreiben, ich werde ihn ganz hinten in die Unterlagen geben, für die Jahre, in denen die Erinnerungen in fremden Farben stehen, ich kriege einen Krampf in der Hand, im Hirn, und ich habe Angst vor dem Schlaf, Schlaf ist vergessen, ich will nicht vergessen, ich werde nicht vergessen, nie, es ist so mörderisch leer hier, sag mir niemand, daß man nicht weiß, wann jemand endgültig fort ist, es ist eine andere Luft, eine andere Farbe, anders als Urlaub, als Streit, und als Schottland. Ich will nicht vergessen, doch, wir werden nicht überleben,

wir werden das nicht

überleben.